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Kommunikations-Standards:
seit zehn Jahren eingefroren
Schnittstellen als Wettbewerbskomponente missbraucht

Schnittstellen
und Kommunikationssysteme im Zeitalter des Business Process Managements
lautete das Motto der Herbsttagung des Bundesverbandes der
Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter KH IT beim Gastgeber Klinikum
Braunschweig. Interoperabilität patientenführender Informationssysteme
und Implementierung klinikübergreifender Prozesse sind dabei von der IT
zu bewältigen. Eine schwierige Aufholjagd steht bevor.
Die
optimale Versorgung der Patienten im Krankenhaus erfordert eine
reibungslose Gestaltung der Abläufe über einzelne Bereiche und
Abteilungen hinweg. In Krankenhäusern werden für vielfältige
spezialisierte Zwecke oft mehr als hundert unterschiedliche
IT-Anwendungen eingesetzt. Problem dabei: die fehlende Kommunikation
zwischen den Systemen. Denn auch wenn die einzelnen Abteilungen
ausgereifte IT-Systeme einsetzen, gibt es im Zusammenspiel der
Geschäftsprozesse über mehrere Abteilungen oder gar Kliniken hinweg oft
Optimierungsbedarf. Technisch sind die IT-Systeme über Netzwerke zwar
miteinander verbunden, aber sie sprechen keine gemeinsame „Sprache“. Die
dafür erforderliche „Interoperabilität“, also das Zusammenspiel der
verschiedenen Systeme, wird oft erst in Grundzügen praktiziert. Das
Gleiche gilt für die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Kliniken
sowie zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern.
Unnötige
Wartezeit, doppelte Arbeit und enorme Kosten könnten vermieden werden.
Zwar gibt es dazu seit Ende der 80er Jahre technische Standards wie HL7
oder DICOM, diese sind jedoch bisher nicht entsprechend eindeutig
anwenderpraxisbezogen ausgestaltet. Besonders problematisch verhält es
sich mit der realwirtschaftlichen „Interoperabilität“ von IT-Systemen.
Neben dem personellen Aufwand der Krankenhäuser lassen sich
Industrie-Unternehmen die Einrichtung von Schnittstellen oft teuer
bezahlen. Das Klinikum Braunschweig zahlt etwa 50000 Euro jährlich für
Schnittstellen.

Alexander
lhls, Präsident Open eHealth Foundation: „Das Zusammenspiel von
Schnittstellen und Standards ist nicht als Wettbewerbskomponente zu
missbrauchen.“
Standards und Integrations-Profile
für Prozesse der stationären Behandlung sind das visionäre Ziel, wie
Alexander lhls betonte. Doch der Weg ist steinig. Gerade die bestens
bekannte Marktabschottung ist ein Hemmschuh. Wettbewerbsprodukte werden
verzögert angeboten und ebenso eingebunden. Daher adressierte der
Präsident Open eHealth Found an die Industrie: „Das Zusammenspiel von
Schnittstellen und Standards ist nicht als Wettbewerbskomponente zu
missbrauchen, vielmehr sollten Applikationen die lleinstellungsmerkmale
leisten.“

Berater Heiko Lemke: „Dazu ist jedoch eine bessere Abstimmung zwischen IT und Fachabteilung nötig.“
Berater
Heiko Lemke, HL-Conexio, blickte auf die Technologien der
Kommunikations-Server. Seine Botschaft im Zeitalter von XML, SOA und BPM
lautete: den Pfad vom Kommunikationsserver zur SOA-basierten
Integrationsplattform zu beschreiten. Was winkt, ist die
Wiederverwendbarkeit in unterschiedlichen Geschäftsprozessen. Berater
Heiko Lemke weiß: „Dazu ist eine bessere Abstimmung zwischen IT und
Fachabteilung nötig.“
Zum Einsatz der Interoperabilitäts-Standards
und Profile für die Integration von Medizin-Geräten fehlt auch nach
Ansicht von Johannes Dehm, VDE Initiative Mikromedizin, der
entscheidende Ruck. „Standards sind vorhanden, wir müssen sie nur
nutzen“, forderte der VDE-Experte vehement auf. Denn bislang fehle die
Motivation bei Herstellern ebenso wie bei Betreiber-Implementierungen.
Dabei ist ein Netzwerk aus IT und Medizintechnik ein Risikofaktor,
dessen Risikomanagement gerade für Krankenhäuser die Norm „DIN EN 80001“
sichern soll.
Was sich auf der KH IT-Herbsttagung bislang wie
Theorie mit Blickkontakt zur Praxis ausnahm, sollten Anbieter von
Kommunikations-Servern klipp und klar per Produktstrategien und durch
Standards & Co. belegen. Dabei spannten sie den Bogen ziemlich weit
von proprietär bis zu OpenSource, von der Idee
einrichtungsübergreifender Kommunikationssysteme bis zum Angebot
kostengünstiger Ablöse fremder Systeme. Was als nützliche
Marktinformationen des Veranstalters gedacht war, kam so im Plenum nicht
überall an. Nach Meinung von Teilnehmern blieben bei den
Produktpräsentationen innovative, belastbare Informationen eher aus.
„Die Hersteller lieferten sich eine Feature-Schlacht ohne richtige
Features“, meinten IT-Leiter irritiert.

CIO
Dr. Christoph Seidel, Klinikum Braunschweig, stellvertretender
Vorsitzender BVMI, und Heiko Ries, erster Vorsitzender KH IT:
Schulterschluss von BVMI und KH IT durch einen Vertrag verstärken.
Wie
von KH IT-Tagungen gewohnt, kamen Anwender zu Wort, so Gastgeber
Klinikum Braunschweig. Eckpunkte der IT im Klinikum skizzierte CIO Dr.
Christoph Seidel. Die IT beschäftigt 28 Mitarbeiter, die 2800 Anwender
mit mehr als 80 IT-Systemen betreuen. Verfügbar im Budget sind 4,1
Millionen Euro.
Zusammen mit dem Daily Business finden wegweisende
Projekte Raum. Das Klinikum Braunschweig erstellte im Rahmen eines
Kooperationsprojektes mit dem Peter L. Reichertz Institut der TU
Braunschweig und der MHH sowie der Kassenärztlichen Vereinigung
Niedersachsen ein elektronisches Befundportal. Damit wird
niedergelassenen Ärzten und Kliniken in der Region ein schneller Zugriff
auf Laborberichte, Arztbriefe und andere Dokumente des Klinikums
ermöglicht. Schritt für Schritt werden die Systeme im Sinne der
"Interoperabilität" angeglichen, um die Befunde automatisiert in die
Praxis-EDV zu übernehmen.

Prof.
Dr. Martin Staemmler, FH Stralsund: musste per Fragebogen aus den
Erfahrungen und Anforderungen der IT-Leiterinnen/Leiter an die
Hersteller ein trübes Bild ableiten.
Zur KH-IT Herbsttagung gab eine Erhebung von Prof. Dr. Martin Staemmler, FH Stralsund und KH IT-Beirat, (exklusives Interview) eine
Momentaufnahme über den Stand der Kommunikation bei Anwendern. Aus den
Erfahrungen und Anforderungen an die Hersteller aus Sicht der
IT-Leiterinnen/Leiter zeichnete sich indes ein trübes Bild ab. Zwar ist
demnach die Kommunikation von KIS / KAS zu Subsystemen weitgehend mit
HL7 (70%) etabliert (HL7 sowie HL7 proprietär). Aber der Stand ist bei
zehn Jahre alten HL7-Standardversionen (HL7 V 2.2, V 2.3) stehen
geblieben. Zu den Hemmschwellen gehören der Aufwand für die
Krankenhaus-IT sowie das Paradigma „never change a running system“ und
der unklare Mehrwert von Funktionen neuer Versionen, aber wohl auch eine
fehlende Weiterentwicklung neuer Versionen bei Herstellern selbst. Ein
IT-Leiter kommentierte: „Neu muss nicht sein, weil es schick ist.“
Weitere
Beobachtungen der KH IT-Umfrage lauten: Im Einsatz sind kaum aktuelle
Technologien (Datei-basiert statt Web-Services) sowie teilweise ohne
Kommunikationsserver (Subsystem zu Subsystem). Es besteht eine Vielzahl
proprietärer Schnittstellen, Medizingeräte sind bisher kaum eingebunden.
„Geschäftsprozessmanagement“ ist nach Erkenntnisse der Umfrage
ansatzweise vorhanden, der Fokus richtet sich bei Funktionalitäten auf
Patientendaten, Auftrag und Befund, kaum auf Auftragsstatus,
Leistungserfassung, Anfragen oder Termine. IHE-Profile sind nicht
genutzt.
Dieser brisante Umfrage-Input befeuerte eine moderierte
Diskussion (Wolf-Dietrich Lorenz, Krankenhaus IT Journal) mit
KIS-Anbietern und dem Plenum über „Integrationsstrategien 2015“. Sie
offenbarte Differenzen bei Verständnis und Bewertung von Standards.
„Standards machen Märkte“, erwarten die Anbieter. „Standards machen
Lösungen“, hofft die Krankenhaus IT. Sie bekam schließlich sogar den
Schwarzen Peter von der Industrie zugeschoben: „Wir drängen Kunden keine
Technologie auf.“ Und: „Wenn die Kunden nichts Neues fordern, dann wird
auch nichts ausgeliefert.“

Professor
Reinhold Haux, Geschäftsführender Direktor am Peter L. Reichertz
Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der
Medizinischen Hochschule Hannover: „Innovationen aus Deutschland kommen
viel zu wenig zum Laufen.“
Dabei treibt nicht
allein die Industrie Innovationen an. Strukturen bei regionaler
Vernetzung mit IHE aus Niedersachsen konturierte Professor Reinhold
Haux. Eine Gesundheitsdatenbank, die „GD-Bank“, soll das Fundament für
den verbesserten, schnellen Informationsaustausch zwischen Haus- und
Fachärzten, Kliniken und Pflegeinrichtungen mit dem Patienten im
Mittelpunkt legen. Haux, Vorsitzender des Projektbeirats und
Geschäftsführender Direktor am Peter L. Reichertz Institut für
Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen
Hochschule Hannover, intonierte: „Der Anspruch von
eHealth-Braunschweig.de nährt sich aus der Entwicklung moderner und
zukunftsweisender vernetzter Versorgungsdienste.“ Innovationen aus
Deutschland wie diese kommen nach seiner Ansicht viel zu wenig zum
Laufen. „International liegen wir hinter USA und Japan.“ Exklusiv-Interview

Dr. Günter Steyer thematisierte: „Gesundheitsnetze und Interoperabilität in den USA“.
Beim
Blick über die Grenzen von Dr. Günter Steyer auf
„Gesundheitsnetze und Interoperabilität in den USA“ war die zunehmend
verbreitete „Regional Health Information Organization (RHIOs)“ Thema.
Ihr – auch hierzulande bekannter - Anspruch lautet: „Dauer des
Krankenhausaufenthaltes reduzieren, die Bedeutung der ambulanten
Nachbetreuung steigern“. Für die technologische Basis sind dabei
Integrationsstandards unabdingbar, doch auch in den USA nicht überall
Praxis. Bei der finanziellen Unterstützung hat dieses künftige „National
Health Information Network“ Teil an einer staatlichen Förderung in Höhe
von 19,5 Milliarden US-Dollar.
Die Verbandsarbeit des KH IT in
den vergangenen Jahren führte zu verschiedenen Kooperationen. Der
Schulterschluss von BVMI und KH IT, der durch einen Vertrag verstärkt
wurde, soll besonders das Berufsfeld des IT-Leiters stärken und den
IT-Nachwuchs fördern.
Beim Blick auf die vergangenen 15 Jahre Verbandsarbeit bat Heiko Ries (exklusives Interview)
den ersten Geschäftsführer des KH IT-Vorläufers VHK (Verband der
Hersteller von Krankenhaus-Informationssystemen, 1995) auf das Podium.

Geschäftsführer
des KH IT-Vorläufers VHK, Dieter M. Kampe: „Im Markt sind noch zu viele
KIS-Systeme, es gibt zu wenig IT-Fachkräfte für das Krankenhaus.“
Dieter
M. Kampe´s Statement zu aktuellen Problemen: „Im Markt sind noch zu
viele KIS-Systeme, es gibt zu wenig IT-Fachkräfte für das Krankenhaus.“

Gastgeber der ersten KH IT-Tagung, Gunther Nolte, Vivantes Berlin: entwarf strategische Maximen für IT-Leiter.
Auch
der Gastgeber der allerersten KH IT-Tagung, Gunther Nolte, damals
Klinikum Kassel, heute Vivantes Berlin, ergriff das Wort. Er entwarf
Perspektiven für den IT-Leiter: Was kann ich selbst gestalten? Wie
anerkannt, wertgeschätzt und vernetzt ist die IT? Wie steht es um
die technische Entwicklung? Welche Interaktion betreibt die IT aus dem
Krankenhaus nach außen? Neben den strategischen Maximen für IT-Leiter
stellte er Integrationsstrategien für Medizinische Versorgungs-Zentren
von Vivantes vor.

Prof.
Dr. Jan Marco Leimeister, Uni Kassel: „Nutzen und Wert der
administrativen und medizinischen IT-Systeme muss von der IT-Abteilung
noch deutlicher kommuniziert werden.“
Nutzen und
Wert der administrativen und medizinischen IT-Systeme muss von der
IT-Abteilung noch deutlicher kommuniziert werden, um alle Potenziale für
die Anwender nutzbar zu machen. Das zumindest war die Erkenntnis für
IT-Leiter aus dem Dinner-Speech „IT-Governance in deutschen Kliniken“
von Prof. Dr. Jan Marco Leimeister, Uni Kassel, bei der
Abandveranstaltung im Braunschweiger Eisenbahnmuseum.

Prof.
Dr. Björn Bergh, CIO der Uniklinik Heidelberg: „Anwender fehlen
überall: Bei IHE Deutschland, HL7, DICOM, „80001“, Continua Health
Alliance.“
Resümee: Interoperabilität ist machbar,
aber von Initiativen abhängig. Zur „IHE-konformen Vernetzung
klinikübergreifender Prozesse“ gehört für Prof. Dr. Björn Bergh mehr als
nur Technik, nämlich vor allem das Engagement der Anwender. Gerade
damit ging der CIO der Uniklinik Heidelberg scharf ins Gericht.
Standardorganisationen seien von der Industrie dominiert. „Anwender
fehlen überall: Bei IHE Deutschland, HL7, DICOM, „80001“, Continua
Health Alliance.“ Es gebe keine systematische Vertretung. Das Ergebnis
sei, so Bergh bitter: „Wir kriegen Verordnungen auf den Tisch, die wir
dann umsetzen müssen.“
Geschäftsprozesse über die Grenzen
einzelner Systeme hinweg zu optimieren, bleibt Aufgabe und Wertbeitrag
der Krankenhaus-IT. Was hierzu zu leisten sein wird - und wie -, riss
die diesjährige Herbsttagung des Bundesverbandes der
Krankenhaus-IT-Leiterinnen/Leiter KH-IT an. Zur Lösung beitragen kann
sicher der ausgiebige Erfahrungsaustausch der über 170 Teilnehmer aus
ganz Deutschland untereinander, mit den Referenten sowie den 27
IT-Industrie-Ausstellern.
HL7-Versionen in deutschen Krankenhäusern in Gebrauch
Momentaufnahme Herbst 2011

von Wolf-Dietrich Lorenz